Sonnabend, 4. März 2000

Versuch: 6 Seillängen, gut im 6. Grad.
Ergebnis: 8m Fall in 112m Höhe und ein Gipsfuß. Haufen Kratzer dazu.
Voraussage: 1 Woche Fuß übern' Hintern halten und 4 Wochen Krücken.

Fragen:
Warum hielt der Friend nicht?
Wie überstehe ich die nächsten Wochen?
Welche Wirkung hat das auf meine Arbeiten hier?

11:06:
     Lothar, mein erster Klettermeister, ruft an. Klettern gehen? Wo? Der Barranco wäre mal wieder schön, da steht noch was aus.

12:10
     Treffe Lothar en route, wir stellen den Wagen am Eingang zum Barranco ab, steigen einen guten Kilometer weit in die Schlucht hinein, über ein ausgetrocknetes Bachbett mit bis zu 5 Meter hohen Felsen, Oleander darin, wunderschön!

     Links und rechts 150m hohe Felsen, links mehrere Routen, teils schon besetzt mit Kletterern, was selten ist hier, weil der Ort vor Auswärtigen geheim gehalten wird. Unter ihnen zwei der Local Heroes, die diese Wände hier mit Bolts ausgestattet haben. Sollen wir uns noch daneben einhängen und 'Pepa' versuchen, oder lieber etwas kürzeres angehen? Ach, komm, los!
      Wir bereiten uns vor, Kleidung, Sicherungsmaterial, Essen und Wasser im Rucksack. Ganz schön schwer, das Ding. Es wird lange dauern, die Wand liegt jetzt im Schatten und ein kühler Wind geht, aber mittendrin wird die Sonne für 2h sehr kräftig einheizen. Schon der Einstieg in 'Pepa' liegt in der Wand, aber der Zustieg bis dort ist technisch leicht, wenn auch anstrengend, erschwertes Bergwandern..

13:20, 15m Höhe (alle Werte geschätzt)
     Lothar steigt die erste Route vor, währenddessen seilt das erste Duo Andalusier gerade ab. Andalusier halten die Sonne typischerweise für feindlich und frieren lieber. Wie jedesmal hier, sind wir überrascht, wie schwierig diese erste Seillänge ist, obwohl sie relativ flach und zerklüftet aussieht. Die Ecken und Nasen und Kanten zeigen aber alle nach unten, man findet viel weniger Halt als man beim vorherigen Angucken glaubt.

38m Höhe
     Ich übernehme den Vorstieg der knifflig steilen zweiten Seillänge, die mir, ausgenommen das oberste Hindernis, viel leichter fällt als Lothar, weil ich bei meiner Reichweite ein paar Griffchen erreiche, an die er nicht drankommt. Balancespiele, gutes Gleichgewicht ist der Schlüssel zu diesem Abschnitt. Das oberste Hindernis ist ein dicker überhängender Bauch, bei dem man den ersten Tritt erst auf Hüfthöhe findet, und senkrechten Rippeln, in die man ein wenig hineingreifen kann an wenigen Punkten. Diese Stelle sauber zu klettern, ist mir bei drei Versuchen vorher nie gelungen, nicht einmal mit Seil vor der Nase. Aber da der Weg bis hier überraschend glatt ging, versuche ich's halt mal, technisch klettern mit Griff in's Sicherungsmaterial oder gar wieder abseilen und Lothar vorschicken kann ich immer noch. Inzwischen ist das zweite Duo Einheimischer an uns vorbei abgeseilt, wir unterhalten uns kurz, bekommen eine weitere Kletter-Site in einem aufgegebenen Marmorsteinbruch beschrieben.
     Mein Kletterstil hat sich verändert seit letztem Jahr, ich ziehe die meisten Griffe viel weiter durch, oft bis auf Hüfthöhe, das ist genau das, was hier gebraucht wird. Fuß rechts hoch außerhalb des Gleichgewichts anstellen, in eine dieser Rippeln oberhalb dessen greifen, mit der linken Hand an einer schwach ausgeprägten Kante stabilisieren, dann ziehen, das Gleichgewicht auf den rechten Fuß verschieben, bis der linke Fuß unterhalb des Überhangs freikommt, mit dem rechten Fuß hochdrücken und dabei die beiden Hände bis zur Hüfte durchziehen, Sicherung und Seil mit überkreuzten Armen einhängen, den linken Fuß ebenfalls hoch in Froschposition, vorsichtig balancierend aufstehen - erster Erfolg! Der Überhang ist damit überwunden, schnauf, Erfolgsschrei YEAH!, aber der Bauch bleibt tricky, weil ich mich irgendwie an diesen Rippeln hocharbeiten muß. Oben angekommen, noch ein Jubel, begleitet von Gratulationsrufen der sich in der Talsole aufwärmenden sonnenden Spanier, die uns noch eine Weile beobachten. Mir geht's prächtig, jetzt kann kommen was will, ich habe für heute mein Erfolgserlebnis! Diesen Bauch zu rotpunkten, das war mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. (Wenn nicht noch was passiert, denke ich, weigere mich aber, den Gedanken anzunehmen oder gar auszusprechen. Ich bin doch keine Unke, die Schlechtes prophezeit!) Lothar kommt nach, schimpft über das Gewicht des Rucksacks, der ihm die Balance raubt.

67m Höhe
     Lothar übernimmt die dritte Seillänge, währenddessen ich ziemlich friere im Wind. Sie beginnt mit ein paar sauschweren Metern irgendwo im 8. Grad, für uns nur technisch von Bolt zu Bolt hangelnd kletterbar. Ich steige nachher mit Rucksack hinterher, bin mir ziemlich sicher, daß ich diese Stelle niemals werde vorsteigen können, nicht einmal mogelnd, hier ist mein Gewicht wohl für immer limitierender Faktor. Unterwegs melden sich meine Muskeln, vor allem in den Armen.

15:15, 92m Höhe
     Wir kommen auf einer einen knappen Meter breiten Stufe an, und gerade jetzt scheint die Sonne zu uns herein. Wie wunderbar! Pause, Picknick, Schläfchen, alles eng am Fels angebunden natürlich. Ich erzähle Lothar, eine Freundin habe mich gebeten, einmal aufzuschreiben, wie man sich beim Klettern fühlt, damit sie versteht, was mich daran so reizt. "Unmöglich!" sagt Lothar, "das kann man nicht erzählen, das muß man tun, das muß man selbst erleben!"
      (Ob es mir mit diesem Text gelingt? Es sind die immer neuen kleinen Erfolgserlebnisse, so wie gerade eben. Wie Rätsel zu lösen, mit Kopf und Körper zugleich, sich zu überlegen, wie es geht, und es dann auch sofort zu tun, oder zumindest zu versuchen. Unmittelbare Belohnung, oder auch, wie diesmal, zwei Jahre an der selben Stelle zu scheitern, und dann gelingt es plötzlich. Draußen zu sein, Natur intensiv zu erleben. Auch, natürlich, Gefahren zu suchen und zu bestehen, das Risiko mit sauberen Lage-Einschätzungen, Können und notfalls Sicherungstechniken zu beherrschen. Balanceakte, physisch und psychisch ebenso. Absolute Konzentration, wenn alles drumherum verschwindet, wenn sich der ganze Mensch nur noch auf ein einziges Problem konzentriert. So gesehen ist Klettern Meditation.)
      Wir genießen die Aussicht, die Wärme und die Situation ausgiebig, essen und trinken den schweren Rucksack leicht, beobachten die Mauersegler - wie wunderbar! Eigentlich könnten wir jetzt umkehren und wieder abseilen, es geht uns beiden so. Aber! Auf die vierte Seillänge bin ich seit eineinhalb Jahren heiß, will sie vorsteigen, seit ich erstmals mit einer Freundin hier war. Sie ist etwas Besonderes, sozusagen eine Schönheit - und nicht leicht zu erreichen. Ich weiß, ich würde mich andern Tags gewaltig ärgern, es nicht mindestens versucht zu haben.

16:40
     Nach der Pause definiere ich mich als fit für die 4. Seillänge. Auf einen etwas blöden Einstieg, bei dem man kaum daran vorbei kommt, sich auf einen dürren, aber zähen Strauch zu stützen (ich bin in 95m Höhe) folgt eine Verschneidung mit einem gut greifbaren Riß, vor mir die Wand, linkerhand ein riesiger überhängender Felsblock, etwa im 100° Winkel zueinander. Die Wand vor mir steigt mit wenig Trittmöglichkeiten relativ gleichmäßig in einem Winkel von vielleicht 80°-85° an, der Block links markiert die Rißlinie, von anfangs vielleicht 80° zu senkrecht zu abdrängend übergehend. Darauf folgen zwei große Überhänge, einer mit vielleicht 150°, der zweite mit 180°, also waagerecht überhängend etwa 20m oberhalb unseres Standplatzes. Beide sind dem Riß folgend zu umgehen, danach geht's wieder senkrecht hoch weiter. Am Ausgang des zweite Risses klinke ich einen Bolt und merke, wie mir zwar langsam die Kraft ausgeht, aber hier ist der Riß schön scharfkantig und leicht zu fassen, und ich habe den Ehrgeiz, diese Seillänge sauber und ohne materialgesicherte Ruhepause in einem Stück vorzusteigen, RotPunkt. Erster Fehler (wenn man nicht schon es überhaupt heute zu versuchen dazu zählt)! Weiter also.

112m Höhe
     Der Riß wird nach weiteren drei Metern geringfügig schlechter, meine Muskeln drohen mit Schlappheit, der nächste Bolt ist noch zwei Meter entfernt, also setze ich einen Friend ein, mir einen Zwischenhalt zu bieten. Einen Friend richtig in einen Riß einzusetzen, scheint ganz einfach, und ist doch eine Kunst, offenbar. Es ist bemerkenswert schwierig, die richtige Größe und den richtigen Punkt zu finden, während mein Muskeltonus in den Unterarmen bemerkenswert schnell nachläßt. Schließlich habe ich einen soweit eingepaßt, daß ich überzeugt bin, er hält zumindest bei statischer Belastung (Zweiter Fehler!) und will noch einen zweiten Friend vorsichtshalber setzen, währenddessen mir die Kraft gänzlich ausgeht.
      Da ich nicht den Eindruck habe, dieser Friend säße gut und meine Muskeln rapide nachlassen, klinke ich das Seil dort nicht auch noch ein (Dritter Fehler, Lothar hat ihn später kaum heraus gekriegt, der saß anscheinend doch gut!) lasse ich Lothar das Seil dichtholen, damit ich beim Pausieren nicht durch die Seildehnung Höhe verliere. Ich setze mich vertrauensvoll (Vierter Fehler!) in den Gurt, lasse los - und dann geht alles sehr schnell.
      Noch während ich loslasse, springt mir der Friend aus der Spalte entgegen, landet in meinem Schoß.Als hätte mich unerwartet ein Tier angesprungen, von dem ich erwartet hatte, es werde brav in seiner Ecke sitzen bleiben: "Was willst Du denn hier?!?" Meine jetzt entspannten Muskeln fassen nicht mehr, die Füße verlieren nur durch gezielten Druck und Reibung erzeugten den Halt, die Finger werden von der Kante leicht aufgeschnitten: Ich sacke durch! Mein Todesschreck-Schrei gellt durch die Schlucht!
      Cut: Lothar sieht mich nicht, aber er hört einen Schrei, läßt vor Schreck fast das Seil los, mit dem er sichert. Eine lange Zeit scheint zu vergehen, "Was passiert da?", er glaubt schon, ich werde an ihm vorbei hinabrauschen, da kommt endlich Zug auf's Seil.
      Cut: Schlimm ist die völlige Überraschung. Ich falle einfach nach unten, als hätte sich eine Falltür unter mir geöffnet. Bilder schießen durch den Kopf, so schnell, daß ich sie kaum einzeln wahrgenehme: Das wunderschöne Tal, die Felsen da unten, Angst, ich sehe mich an der Wand entlang bis dort hinunterzukacheln. Der nächste Chapa unter mir, er wird doch halten? Lothar, wie er sichert. All dies kann ich nicht mit den Augen sehen, ich blicke ja zur Wand, es sind Erinnerungsfetzen, die die Wahrnehmung überlagern. Das erste, was ich wieder sehe, ist der Chapa, der eben noch 3m unter mir war; er rauscht vorbei - noch einmal soviel und ein bischen weiter wird der Sturz weitergehen.. Irgendwo zwischendrin schlage ich mit dem linken Fuß auf, der Schmerz! Er ist vertraut, der Schmerz, eine alte Verletzung bricht wieder auf. Dann setzt endlich die Bremswirkung ein: Gerettet! 6m freier Fall, 2m Seildehnung, ein kapitaler 8m-Sturz:

104m Höhe
     Kreislauf, Adrenalin, Frustration, Schmerz und Erleichterung fahren Achterbahn in mir. Ich versuche, wenigstens noch etwas einigermaßen Rationales zu tun und klinke mich in einen nahegelegenen Bolt einer benachbarten Route ein.
      Dann momentane Aufgabe, Schnauf, Relax, den Sturm in mir austoben lassen.Einfach im Gurt sitzen, abhängen, Kopf, Arme, Beine, Schultern, alles hängt kraftlos an mir herunter. Ist mir schlecht!
      Noch jetzt, dies aufschreibend die Situation wieder durchlebend, wird mir schummrig.
      (Wenn ich gefragt werde, warum mein Fuß eingegipst ist und erzähle, ich sei 8m tief gefallen, reagiert kaum jemand besonders darauf. Manche aber rechnen diesen abstrakten Wert, diese Zahl, in Stockwerke um: 2,5 Stockwerke tief gefallen - das ist vorstellbar. Andere Zahlen: Nach 6m freiem Fall hat man eine Geschwindigkeit von über 11m/s = 40 km/h drauf - vertikal! Das auf 2m abgebremst ist eine durchschnittliche negative Beschleunigung von 3g. Kein Wunder, daß mein Kreislauf kurz vor'm Umkippen ist. Und jetzt ist mir nicht nur intellektuell sehr klar, wofür die Seildehnung gut ist, obwohl sie den Fallweg verlängert: Ein abrupter Stop aus dieser Geschwindigkeit würde die Hüfte zertrümmern.)
      Diesen speziellen Schmerz im Fuß seit einem Dutzend Jahren kennend, ist mir schnell klar: Dieser Versuch ist zu Ende. Außerdem ist es hier sowieso zu steil, das schaffe ich nicht einmal in Bestform. "Lothar, laß mich ab!" "Echt?" "Ja!" Als ich wieder auf dem Zwischenband stehe, setze ich mich direkt erst einmal hin, noch weiter ausschnaufen. Mein Herzschlag ist schon fast wieder zurück auf Normallevel, aber Schreck und Körperchemie haben sich noch längst nicht wieder beruhigt.
      Nun muß ich Lothar erklären, daß ich es nicht noch einmal versuche, und daß er bitte mein Material wieder aus der Wand herausholen soll. Wir diskutieren eine Weile, wie wir es am geschicktesten machen, daß er nicht erneut vorsteigen muß, aber am Ende auch nicht nur über einen einzigen Bolt gesichert ist. An dem Ende, an dem er mich gesichert hat, hochzusteigen, gefällt ihm nicht, da die Tour fünf bis sechs Meter seitwärts verläuft; sie liegt nicht in der Fallinie des obersten Bolts, und wenn er fällt, macht er ggf. einen gewaltigen seitlichen Pendler. Schließlich erscheint uns diese Lösung aber doch als die Beste. Mittlerweile habe ich mich soweit erholt, daß ich ihn sichern kann, ohne befürchten zu müssen, zwischendurch zusammenzuklappen. Er macht zwischendurch Erholungspausen, das ist (sowieso immer (wenn man nicht gerade Rotpunkt-Ehrgeiz hat), aber jetzt besonders, da Sicherheit nun absoluten Vorrang hat) erlaubt.
      Mein Fuß ist ernsthaft lädiert, beginnt bereits anzuschwellen, ich kann nur auf einem Bein stehen, das macht das Abseilen schwierig - dabei ist mir klar, daß mein Problem erst danach beginnt, wenn wir an der Talsohle angelangt sind, und noch einen guten Kilometer über Stock und Stein absteigen müssen. Ich setze mich also sauber in den Gurt und benutze fast nur mein heiles Bein, um mich vom Fels abzustützen, schwierig, ab und zu schmerzhaft, aber es geht. Wir sind jetzt flott unterwegs, seilen die drei Längen in wenigen Minuten hinunter. Zum Schluß hilft Lothar mir noch am Seil die letzten 15 Meter vom Einstieg zur Talsohle hinunter, dabei lande ich einmal recht unsanft in den Diesteln.

0m Höhe
      Während Lothar unserem Kram zusammenpackt, mache ich mich schonmal auf den Weg. Witzigerweise komme ich, solange das Gelände schwierig ist, ganz gut zurecht, hangele mich auf allen Vieren kriechend voran. Der Fuß schmerzt, bei jeder Belastung, die nicht genau von obn auf die Ferse aufsetzt, schießt ein Schmerzstoß mein linkes Bein hinauf. Obwohl ich nach Möglichkeit es zu vermeiden suche, bleibt doch bei allem Ächzen, Stöhnen und Fluchen oft nur Ignorieren oder Verzweifeln zur Auswahl. Mir kommt zu Gute, daß ich gerade das Cryptonomicon von Neal Stephenson lese, in dem viele Szenen vorkommen, in denen sich verletzte Weltkrieg II Krieger quer durch übelstes Gelände aus aberwitzigen Lagen retten. Deren Haltung adoptierend, immer nur von Stein zu Stein schauend, schaffe ich wohl die halbe Strecke, bis Lothar mich einholt. Langsam beginnt es zu dämmern.
      Immer noch habe ich meine zum Gehen eigentlich viel zu engen Kletterschuhe an, ich brauche den Halt und die Präzision, jetzt noch einmal auszurutschen, kann und will ich mir nicht leisten. Je weiter wir zum Eingang der Schlucht hinunter gelangen, desto einfacher wird der Weg, im Prinzip, aber für mich bedeutet es immer wieder Passagen, in denen ich tatsächlich gehen muß. Zwar bietet Lothar mir seine Schulter, seinen Rucksack zum Stützen an, aber dann ist er so nahe, daß ich den Weg nicht mehr sehe, also nicht mehr gezielt mit dem gesunden Fuß hüpfen kann.

19:20
     Endlich, es ist schon dunkel, am Auto angekommen, machen wir Rast, setzen uns einfach auf den Asphalt, essen den restlichen Proviant, beruhigen uns, versuchen, den Unfall zu analysieren. Was ist schiefgegangen, und warum?
      Während sich sonst bei Unfallsituationen (Auto, Motorrad) meine Zeitwahrnehmung meist massiv verändert und ich extrem schnell und präzise reagieren kann, schnurrt die Zeit diesmal eher zusammen. Fallen, Angst- und Warnschrei -keine Chance, mich schulmäßig von der Wand abzustoßen, um im Bogen springend einigermaßen sicher zu landen. Ich kann nichts tun als zu hoffen, das Seil werde mich halten. Fallen, Bilder, darauf hoffen, daß der nächste Bolt halten wird, mit dem Fuß irgendwo aufschlagen und schließlich die Bremswirkung spüren - ein kaum unterscheidbarer Blob in meiner Erinnerung. Als sei ein Unfall in der Horizontalen trotz der Geschwindigkeit, mit der er abläuft, in einen vertrauten Rahmen eingebettet und ermögliche deswegen reflexhafte Reaktionen - hier hingegen, 100m über der Erde, ist alles verloren, entweder hält das Material und Lothar - oder nicht. Ich kann sowieso nichts tun, der Schreck ist so groß wie die Überraschung: Mein Hirn versucht noch nicht einmal, mitzuhalten mit dem Strom der Ereignisse. Das ist im Nachhinein betrachtet, fast das Beunruhigendeste an der ganzen Geschichte, daß mein Kopf anscheinend kurzzeitig abgeschaltet hat. Das kenne ich nicht.
      Wir kamen auf vier mögliche Erklärungen, warum der Friend nicht gehalten hat:

Eher unwahrscheinlich:
Der Felsblock hat nachgegeben und dadurch der Riß sich soweit geöffnet, daß der Friend keinen Halt mehr hatte.
Ebenfalls eher unwahrscheinlich, muß aber überprüft werden:
Der Friend ist defekt.
Etwas wahrscheinlicher:
Der Fels ist unter dem Druck des Friends geborsten. Selten, aber kommt vor, eine kleine Bruchstelle genügt. Dann müßte eine frische Bruchkante zu sehen sein, aber darauf haben wir nicht mehr geachtet.
Wahrscheinlicher:
Ich habe beim Legen des Friends einen Fehler gemacht! Varianten dessen: Ich habe ...
... den Friend falsch eingesetzt.
Theorie Lothars: Wenn man den Friend waagerecht in die Spalte steckt, dreht er sich unter Belastung nach unten. Dabei kann es passieren, daß die Backen ihre Position verändern und dadurch den Halt verlieren oder, bei bröseligem Fels, sogar den Fels abschaben.
... den falschen Friend eingesetzt, eine Nummer größer oder kleiner wäre richtig gewesen..
Nimmt man einen Friend, der gerade so eben in die Spalte hineingeht, kann es sein, daß die Backen (Kniehebelprinzip!) nicht ausreichend Druck ausüben und der Friend mangels ausreichender Reibung herausrutscht. Dasselbe passiert, wenn der Friend zu klein ist.
Welche anderen Gründe sind denkbar?
Beide Phänomene kann ich mir gut vorstellen, wenn man mit Schwung in den Friend hineinstürzt - aber ich habe mich nur einfach hineingesetzt, bei bereits dichtgeholtem Seil. Die Belastung war also nicht so sehr groß, vielleicht 100kg. Bleibt ...
... den Friend an der falschen Stelle eingesetzt.
Ideale Bedingungen für einen Friend bietet ein Riß mit parallelen Wänden. Wenn an der benutzten Stelle der Riß sich nach unten öffnet, kann der Friend herausrutschen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, darauf geachtet zu haben.

20:30
     Meinen Transit eingesammelt (noch kann ich die Kupplung treten), nach Hause, schnell geduscht, Papiere eingesteckt:

21:30
     Lothar bringt mich ins Krankenhaus "TorreCardenas". Ich erhalte am Eingang zur Urgencia einen Rollstuhl und ab jetzt geht gar nichts mehr schnell. Einchecken an einem Schalter. Eine Tür öffnet sich, uns erwartet ein etwas heruntergekommener weiß-grün gekachelter Wartesaal mit über 100 Leuten und extrem sauerstoffarmer Luft. Als wäre man in einem Dritte-Welt-Krankenhaus, meint Lothar. Warten also. Zwischendurch hier und da ein paar Worte gewechselt mit anderen Wartenden. Und noch mehr Warten. Auffällig: Es ist niemand blutig, anscheinend wird da vorher sortiert. Nach vielleicht zwei Stunden stolpert aus einem Lautsprecher mein für Spanier völlig ungewohnter, fast unaussprechlicher Nachnahme.
      Zwei nette grünbekittelte Menschen, eine rothaarige Frau Mitte Fünfzig, ein kräftiger Mann um die Vierzig, empfangen uns - wer von beiden Arzt ist, wer Helfer, wird bis zum Schluß nicht klar. Kurz betasten, dann zum Röntgen wieder in die Warteschlange einreihen. Ich erwarte und befürchte sog. 'gehaltene Aufnahmen', sehr schmerzhaft bei geschwollenen Gelenken, aber in Deutschland vielfach für unerläßlich gehalten. Nichts dergleichen: Einmal von oben, einmal von der Seite, das reicht. Bleikittel zum Schützen wichtiger Teile sind hier anscheinend unnötig, ich decke sie mit den Händen ab in der Hoffnung, die Fingerknochen mögen etwaige Strahlung absorbieren. Dann wieder Warten.
      Schließlich werden wir wieder ins Behandlungszimmer hineingebeten und ohne weiteres Nachschauen mit der Diagnose konfrontiert: Nichts gebrochen, sagt der Mann, aber ein esguince des ligamentos, sagt die Frau. Lothar weiß auch nicht genau, was das bedeutet. Sie erklärt uns, eine Woche lang den Fuß immer höher als den Hintern halten, vier Wochen lang nicht auftreten, er nickt dazu. Zusammen tüten sie mir mein Röntgenbild, einen Schrieb und zwei verschiedene Sorten Tabletten (gegen Schmerzen und gegen Thrombose) ein, dann muß ich mich im Nebenraum bäuchlings auf einen Behandlungstisch legen. Während die Frau etwas vorbereitet und dann zu meinem Entsetzen meinen Fuß eingipst (eine Extra-Lage Gips, damit er bei meinem Gewicht auch hält), fragt sie uns nach deutschen medizinischen Begriffen aus und erzählt von ihren deutschen Nachbarn, die Lothar zufällig kennt, weil sie (wie früher er selbst) auf der Plataforma Solar in Tabernas arbeiten. Nette kleine Konversation, während ich versuche, meine neue Situation zu verstehen.

1:30
     Endlich wieder zuhause. Griff zum Lexikon: Esguince bedeutet eine Verdrehung, vorübergehende Verrenkung. Ligamento bedeutet Band. Bänderdehnung also? Das wäre genau meine alte Verletzung, nach acht Jahren mal wieder. Nichts wirklich Schlimmes, wird nicht operiert, aber dennoch langwierig und schmerzhaft, ich kenne das schon.
      Wir machen uns noch ein Abendbrot, sinnieren, ob trotz der oberflächlich wirkenden Untersuchung die Diagnose richtig ist, ob ich hier noch einen Arzt fragen soll, ob ich am Montag nach Deutschland zur Untersuchung fliegen soll, dann fährt Lothar nach Hause und ich hüpfe ins Bett.

Danke, Lothar, für's Leben retten und kümmern! Will er nichts von wissen, das eine war seineAufgabe als Sichernder, das andere selbstverständlich, hätte ich genauso gemacht, sagt er. Stimmt. Trotzdem Danke!

PS: Anderntags wird die Diagnose vom wohl besten Traumatologen der Stadt bestätigt. Nächste Woche soll ich wiederkommen zur weiteren Untersuchung, und um zu entscheiden, wie lange ich noch eingegipst bleiben muß.